Alternative zum Carving: Mit neuer Fahrtechnik Kräfte schonen

Wer nach der Jahrtausendwende das Skifahren in einer alpinen Skischule gelernt hat, wird das Carving als wichtigsten Abfahrtsstil kennen. Mittlerweile ist der Stil aus der Mode gekommen, Österreich verpflichtet die Skilehrer ab der kommenden Saison zum Lehren eines anderen Fahrstils. Mit diesem soll das Skifahren körperlich leichter und wieder natürlicher werden, erste Testläufe mit der Alternative zum Carving verzeichnen jedoch überschaubare Erfolge.

 

Änderung im Lehrplan sorgt für Diskussion

Jeder Skifahrer ist auf einen Fahrstil angewiesen, der Dynamik und Sicherheit vereint und gerade bei fehlendem körperlichen Training über den Tag hinweg durchzuhalten ist. Gerade wer sich als Einsteiger mit den Basics des Skisports auseinandersetzt, ist für jede Erleichterung beim Erlernen der ersten Schwünge froh. Während über ein Jahrzehnt das Carving als elementarer Fahrstil im Trend lag und nicht nur in Österreich an den meisten Skischulen gelehrt wurde, kommt es aktuell zu einem Umdenken.

Der Grundstein für diese kleine Revolution wurde Anfang 2016 durch den Österreichischen Skischulverband gelegt. Dieser änderte die Lehrpläne für alle Skilehrer und Skilehrerinnen des Landes ab. Spätestens ab dem Jahr 2018 sollen diese als Grundstil nicht mehr das Carving lehren, stattdessen soll zu einem „natürlicheren Fahrstil“ zurückgekehrt werden. Es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass der Verband überhaupt eine Änderung seiner Statuten vornahm.

 

Die neue Formulierung in den Lehrplänen lässt viel Raum zur Interpretation. Während ein natürlicher Skischwung als Vorschrift noch einfach vorzustellen und umzusetzen ist, wählt der Verband mit dem „Schönskilauf“ einen schwammigen Begriff. Dieser war in ähnlicher Form bereit in früheren Veröffentlichung zu finden, konnte jedoch von einzelnen Skilehrern nach eigenen Vorstellungen interpretiert werden. Ab 2018 heißt es somit: In verschiedenen Skigebieten dürfte diese Vorschrift von traditionell bis innovativ interpretiert werden, solange nur kein klassisches Carving mehr gelehrt wird.

 

Was ist Carving und warum soll es für Einsteiger abgeschafft werden?

Der Begriff „Carving“ wird von Skifreunden für verschiedene Stile und Abfahrtsvorlieben verwendet, bei den wenigsten handelt es sich um ein Carven im klassischen Sinne. Gerade junge Skifreunde, die einzig diesen Stil durch eine Skischule erlernt haben, verwenden „Carving“ gerne synonym zum Ski fahren selbst. Wörtlich handelt es sich um ein „Schneiden“, was sich auf die Stellung der Skier in den Kurven bezieht. In den Schwungbewegungen bei der Abfahrt sind diese Kurven sauber durch die richtige Skistellung zu schneiden. Bei gerutschten Kurvenschwüngen handelt es sich strenggenommen nicht mehr um ein Carving, auch wenn diese Bewegungen gerne als solche bezeichnet werden.

Ein sauberer Carving-Stil lässt sich an markanten und parallelen Spuren im Ski nach einem Kurvenschwung erkennen. Die Spuren müssen deutlich erkennbar sein, da sie durch hohen Druck auf die Kanten während der Schwungbewegung entstehen. Alle anderen Formen wie klassische Gleitspuren sind nicht mehr als Carving zu sehen.

Im Unterschied zum beliebten Einsteigerschwung ist das erlernen des echten Carvings mit etwas Geschick, Kraft und Übung verbunden. Gerade das breite Spektrum an Freizeitsportlern erlernen diesen Stil niemals wirklich, stattdessen werden Mischformen mit einem zusätzlichen Gleiten und anderen Ausgleichsbewegungen erlernt. Die Einführung des echten Carvings ins Lehrbuch darf aus heutiger Sicht als ambitioniert bezeichnet werden, ein Großteil aller Skifreunde werden diesen Stil niemals sauber umsetzen. Der Österreichische Skischulverband mag dies erkannt haben und rudert mit der aktuellen Anpassung seiner Lehrpläne zurück.

 

Carving zukünftig nicht mehr für Einsteiger gedacht

Natürlich bleibt Carving als Fahrstil für erfahrene Skifahrer weiterhin interessant, die hierüber mehr Schwung und Dynamik in den Kurven mitnehmen. Die Änderungen betreffen vorrangig Einsteiger, die nicht mit einer zu hohen technischen Herausforderung ihr Ski fahren beginnen sollen. Das Carving wird nach der Änderung der Lehrpläne lediglich aus der ersten Stufe gestrichen, auf dem Fortgeschrittenen- oder Profi-Niveau bleibt es weiterhin als Lehreinheit erhalten.

Für den Verband erscheint es sinnvoller, nicht zu früh eine an sich anspruchsvolle Technik zu vermitteln, die behelfsweise in nicht perfekter Form ausgeführt wird. Der Vorstoß ergibt Sinn, dennoch sind Zweifel vieler Skilehrer zu vernehmen. Dies gilt primär für die Notwendigkeit, einen etablierten Lehrplan umzustellen, zumal eine junge Generation an Skilehrern selbst mit diesem Fahrstil groß geworden ist. Zum anderen sorgt die noch unpräzise Beschreibung eines „natürlicheren Stils“ für Anfänger für Verwirrung. Klare Anweisungen, wie sich auf den Einsteigerschwung zukünftig aufbauen ließe, sollte der Verband in naher Zukunft nachliefern.

 

Ski-Neukauf für Tausende Skifreunde nötig?

Nicht nur der Fahrstil ist von der Änderung der Lehrpläne betroffen, auch die Skiindustrie wird früher oder später nachziehen müssen. In den vergangenen Jahren waren auf dem Niveau von Einsteigern und Fortgeschrittenen spezielle Carving-Ski gefragt. Im Unterschied zu klassischen Abfahrtsski waren diese sehr kurz und breit, im Fußbereich kam es zu einem sehr dünnen, taillierten Ausschnitt. Um die Sicherheit bei allen Bewegungen zu erhöhen, wurde eine relativ breite Fußstellung notwendig, die nicht mit dem herkömmlichen Laufen und traditionellen Skifahren vergleichbar ist.

Genau dies stellte für den Verband einen der wichtigsten Gründe dar, eine Anpassung der Lehrpläne vorzunehmen. Die über die letzten 15 Jahre mit Carving-Ski etablierte Stellung von Füßen und Beinen erscheint unnatürlich und nicht an der menschlichen Anatomie orientiert. Durch diese vermeintliche „Fehlstellung“ des Unterkörpers bei Abfahrten muss der Körper mit einer stärkeren Muskulatur nachhelfen, in Balance und in der Kurve zu bleiben. Dies wurde primär für Freizeitfahrer zur Anstrengung, die Ski fahren unnötig anstrengend machte. Die Umstellung auf einen natürlicheren Fahrstil soll diese Belastung nehmen und sich mehr als natürlicher Bewegungsablauf anführen.

Die Anpassung des Lehrplans mag zu einer Neuausrüstung einzelner Skifreunde führen, jedoch nur die wenigsten werden hiervon betroffen sein. Absolute Neulinge im Ski fahren werden nicht zu Beginn in eigene Carving-Ski investiert haben und leihen sich zukünftig in Österreich wieder einen klassisch geformten Ski aus. Wer mit größerer Erfahrung einen eigenen Carving-Ski besitzt, wird die spezielle Technik als Fortgeschrittener einfach und sicher ausführen können. Und natürlich ist auch die Nutzung der Carving-Ski für den neuen Fahrstil nicht verboten, auch wenn dies technisch etwas schwieriger werden kann.

 

Wie der neue natürliche Fahrstil aussehen sollte

Die Skilehrerverband erklärt ausführlich, welche Änderungen er sich durch die Umstellung der Lehrpläne erhofft: 

  • Die Schwungbewegungen sollen nicht mehr so extrem wie beim Carving aussehen
  • Die Abläufe sollen natürlicher werden.
  • Eine übermäßige Rotation des Oberkörpers soll entfallen.
  • Die Füße rücken etwas weiter zusammen.

Die Füße sind in ihrer Ausgangsposition mit der natürlichen Ausrichtung beim Wandern zu vergleichen. Eine logische Konsequenz: Der Einstieg ins Ski fahren wird hierdurch weniger aggressiv und dynamisch, Anfänger werden sich mit einer etwas überschaubaren Geschwindigkeit begnügen müssen.

Der natürliche Fahrstil soll sich durch Einfachheit und Eleganz auszeichnen, die anspruchsvolle Technik des Carvings tritt in den Hintergrund. Für absolute Neulinge auf Skiern mag die Umstellung des Lehrplans tatsächlich vorteilhaft sein. Die Bewegungen fühlen sich vertrauter und einfacher an, durch das Unterlassen übertriebener Dreh- und Schwungbewegungen ist das Ski fahren zudem weniger kraftraubend. Bei ungeübten Fahrern sinkt das Risiko von Unfällen oder Verletzungen und auch das Erfolgserlebnis dürfte schneller eintreten, „endlich Ski fahren“ zu können.

 

Skilehrer in Österreich bleiben kritisch

Das Spektrum an Meinungen für die Umstellungen geht weit auseinander, wobei es auch unter den Skilehrern Traditionalisten und Freigeister gibt. Erstere sahen bereits die Umstellung des Lehrplans in Richtung Carving-Ski vor 15 Jahren als Kniefall vor den Skiherstellern, die mit ihren kurzen Skiern den Geschmack einer neuen Generation von Skifahrern trafen. Damit diese eine halbwegs sichere Beherrschung ihrer Skier erlernten, wurde Carving in den Lehrplan aufgenommen und nur selten in technischer Perfektion gelehrt. Die erneute Umstellung des Lehrplans wird deshalb begrüßt, zumal das „natürliche Skifahren“ mit jedem einfachen All-Mountain-Ski durchführbar sein soll.

Jüngere Skilehrer gehen eher pragmatisch an die Umstellung heran. Aus praktischer Erfahrung wissen sie, wie vielfältig die Skistile in ihren Skigebieten sind, zumal der Besuch einer Skischule bei vielen Wintersportfreunden Jahrzehnte zurückliegt. Aus der riesigen Kombination von Stilen und Materialien lässt sich kein sauberer Stil herauspicken, die „Natürlichkeit“ wird eher zu einem individuell interpretierbaren Ansatz. Dennoch dürften die Skier langfristig wieder länger und die Abfahrten nicht mehr ganz so rasant werden.

Dies entspricht auch dem Zeitgeist der neuen Ski-Generation: Viele tauschen die waghalsige Dynamik eines rasanten Fahrstils gerne gegen ein ruhigeres Fahren ein, bei dem die Aufnahmen mit der GoPro besser gelingen oder das Selfie am Pistenrand vom sportlichen Lifestyle berichten.

 

Quellen:

 

http://magazin.snowtrex.de/interviews-reportagen/neuer-skilehrplan/

 

http://www.derwesten.de/reise/skifahren-in-oesterreich-soll-wieder-einfacher-werden-id12272004.html

 

https://www.welt.de/reise/nah/article152247500/Carven-ist-out-das-ist-der-neue-Skistil.html

Bildrechte: Fotolia.de #64398447